Osterzgebirgisches

Puppentheaterfest

in und um Bärenfels

Paul Hölzig und der Kasper aus Bärenfels

Der erzgebirgische Ort Bärenfels hat aus vielerlei Gründen einen guten Ruf. Richtig bekannt wurde er im ersten Jahrzehnt nach dem 2. Weltkrieg durch den Puppenspieler Paul Hölzig. Der nannte sein Unternehmen, mit dem er damals in Sachsen und darüber hinaus auftrat, „Bärenfelser Puppenspiele“, und seine Hauptfigur war der Bärenfelser Kasper. Der ist Hölzigs Kreation, auch wenn Helmut Lange aus Bärenfels ihn (wie auch andere Figuren) letztlich geschnitzt hat. Der Bärenfelser unterscheidet sich von seinem Hohnsteiner Kollegen, dass er beim Lachen nicht die Zähne zeigt wie dieser.

Paul Hölzig war ein Meister des Handpuppenspiels. „Ein Virtuose“, schrieben die Zeitungen, als die Bärenfelser Anfang Oktober 1950 in Berlin gastierten. „Die Berliner waren begeistert, sie wussten gar nicht, dass Puppen so leben können!“ hieß es im „Morgen“. Und der „Nacht-Express“ jubelte, der Bärenfelser Kasper habe mehr Kontakt zum Publikum als mancher Possenreißer aus Fleisch und Blut. „Holzpuppen? Die waren doch alle lebendig!“ Und die „National-Zeitung“ konstatierte: „Neben den von Paul Hölzig geleiteten Bärenfelsern gibt es nicht mehr viele Gruppen in Deutschland!“

Hölzig und der Kasper Paul Hölzig (Jahrgang 1911) gründete als 22-Jähriger seine erste Bühne. Die hieß „Dresdner Puppenspiele“. Wenige Jahre zuvor war er vorzeitig vom Gymnasium abgegangen, hatte sich einem Wanderzirkus angeschlossen und die neuen Wege Max Jacobs und seiner Hohnsteiner im Puppentheater kennengelernt. Hölzig erkannte bald, dass das Puppenspiel ihm die beste Möglichkeit bot, die Vielfalt seiner Talente auszuleben: Er konnte texten, Figuren entwerfen, ein Spiel leiten, vor allem aber Rollen differenziert gestalten, möglichst gleich mehrere in einer Szene. „Ein Zauberer, der mühelos und vollkommen sechs oder sieben Mundarten durcheinander spricht und den Wechsel der Sprachfarben bewunderungswürdig beherrscht“, bestätigte man ihm später.

Zunächst spielte er mit Hohnsteiner Puppen. Aber er betrieb das künstlerische Puppenspiel von Anfang an auch für Erwachsene. Schon 1937 zeigte er erstmalig seinen „Boan’lkramer“, der später sein Meisterstück werden sollte. Es ist eine eigene Bearbeitung des Bühnenstücks „Der Brandner Kasper schaut ins Paradies“ von Joseph Maria Lutz, das damals am Dresdner Staatsschauspiel aufgeführt wurde. Boan’lkramer ist eine in Bayern gebräuchliche Scherzbezeichnung für den Tod; ein „gemütliches Spiel über eine ungemütliche Sache“ lautete Hölzigs Untertitel. Das Spiel zeigt, wie Kasper den Tod überlistet, und er wurde schon 1937 dafür gefeiert. Hölzigs Kasper war ein Philosoph, der auch bittere Wahrheiten und ernste Untertöne mit lachendem Gesicht vorbringen konnte.

Vielleicht setzte man Hölzig deshalb während des Krieges in der Truppenbetreuung ein. Mit der Organisation „Kraft durch Freude“ kam er 1943 bis nach Finnland, um die Soldaten aufzuheitern. Sein Kasper, dieser unverwüstliche Spaßmacher, könne ihnen alle Bitternis aus dem Gesicht tauen lassen, schrieb die „Dresdner Zeitung“ am 23./24. Oktober 1943. Die schreckliche Bombennacht vom 13. zum 14. Februar 1945 konnte er nicht verhindern. Hölzigs gesamter Fundus, alle Manuskripte, Literatur, Fotos und vieles andere gingen in Flammen auf. Einzig die Bühne für das Spiel um die Wassernixe Undine blieb erhalten. Sie bildete den Grundstock für den Neuanfang. Spätestens ab Frühherbst 1945 lautete seine neue Adresse „Bärenfels, Kasperklause“

Hölzig und der Kasper Am Anfang war das wohl nur eine Werkstatt, wo neue Puppen und neue Dekorationen angefertigt wurden; auch für den Verkauf, denn man musste ja leben. Hier erblickte der Bärenfelser Kasper das Licht der Welt, der bald die neuen „Bärenfelser Puppenspiele“ berühmt machte. Denn Kasper spielte überall mit: in „Undine“, im „Freischütz“, in „Doktor Fausts Höllenfahrt“, im „Weißen Röss’l“... Er hatte viel zu tun in jener Zeit; überall sehnte man sich nach Frohsinn und guter Laune. Zu groß war das Leid, das der Krieg hinterlassen hatte. Nachmittags spielte er für Kinder, abends für Erwachsene. Hölzig war unermüdlich, aber er ließ sich nicht verleiten, auch nur ein einziges Mal zu schludern. Alle überlieferten Dokumente künden von seiner enormen Umsicht, von akribischer Detailarbeit. Neben seiner künstlerischen Gestaltungskraft begründete auch das Hölzigs Ruf. Beim 1. sächsischen Puppenspieler-Wettbewerb im Dezember 1950 errangen er und seine Partnerin Sabine Schaumann, die die weiblichen Rollen spielte, das Prädikat „Künstlerisch hochstehend“.

Zu dieser Zeit gastierte das Staatliche Moskauer Puppentheater unter Sergej Obraszow in der DDR. Dresden war Gastspielort. Die künstlerische Perfektion, die technische Meisterschaft der sowjetischen Künstler ließen das Publikum rasen. Auch die deutschen Puppenspieler waren begeistert, auch Paul Hölzig. Die Moskauer spielten mit Stabpuppen. Die waren hier kaum bekannt. Da sie größer waren, konnte man in größeren Sälen spielen und ein größeres Publikum erreichen. Aber sie erforderten auch eine neue Technik! Und die Moskauer pflegten das Ensemblespiel. Alles beeindruckte die hiesigen Puppenspieler gleichermaßen.

Paul Hölzig empfand die Herausforderung, und er stellte sich ihr. Staatliche Stellen ebneten die Wege, knüpften Kontakte, stellten Geld zur Verfügung. Er bekam alle Unterstützung. Eine neue Drehbühne wurde gebaut. Ein halbes Jahr probte er mit seinen bisherigen und einigen neuen Kollegen. Anfang September 1951 war in Leipzig Premiere. „Auf Anregung des sowjetischen Puppenspielers Prof. Obraszow gehen jetzt auch die Bärenfelser Puppenspiele neue Wege“, hieß es in einer Leipziger Zeitung. Eine andere: „Der Bärenfelser Kasper stellte sich als orientalischer Nasreddin vor.“ Und eine weitere titelte: „Zu Gast bei den kleinsten Komödianten aus Buchara-Bärenfels“

Die Rede ist von Hölzigs Inszenierung des sowjetischen Stücks „Der fröhliche Sünder“. Einige der Figuren daraus stehen im Gasthof Bärenfels in einer Vitrine. Jan Kempe hat sie zusammen mit dem Verein Kultur-Geschichte Bärenfels erworben. Zurecht wird diese Aufführung als die Geburtsstunde des ersten staatlichen Puppentheaters in Dresden bezeichnet. Hölzig und der Kasper Sie hatte Riesenerfolg, wo immer sie gezeigt wurde, zunächst immer unter dem Namen „Bärenfelser Puppenspiele“! – Aber es hat Zoff gegeben. Es ging ums Geld, und Paul Hölzig fühlte sich wohl übers Ohr gehauen. Er zog sich zurück und mit ihm die anderen. Es gab einen neuen Leiter des Staatlichen Puppentheaters und eine neue Truppe, die die Hölzig-Inszenierung übernahm und mit ihr weiter auf Tournee ging.

Paul Hölzig blieb Bärenfelser. Und er blieb Handpuppenspieler. Obgleich er „ungeheuer beeindruckt (war) von der Leistung unserer sowjetischen Freunde“, wie ihn eine Zeitung in jenen Tagen zitierte. „Nächtelang habe ich mit den Stabpuppen experimentiert. Es waren ganz neue Probleme.“ Vor denen ist er nicht geflohen, die hat er gemeistert. Zur Freude seines Publikums. Aber er hat danach noch mehr als ein Jahrfünft wieder seine „Bärenfelser Puppenspiele“ betrieben, hat den „Boan’lkramer“ gezeigt und all die anderen Stücke seines Bärenfelser Kaspers, in Köbes Gasthof und sachsenweit um Bärenfels herum. In die großen Städte ist er nicht mehr gekommen. Oder vielleicht ließ man ihn nicht mehr hin?

1958 hat er die DDR verlassen. Er ging in den Westen. Er siedelte sich bei Wetzlar an. Er gründete eine Technografik-Firma, doch die hatte wohl nicht den rechten Erfolg. Später verdingte er sich als Zauberkünstler und Mäusedresseur. 1989 ist er verstorben. Aber er wird in und um Bärenfels nicht vergessen werden – der sächsische Puppenspieler Paul Hölzig.

Klaus Harder